
Mit seinem Sieg in Detroit feierte Ken Roczen den 25. Erfolg seiner Supercross‑Karriere. Zum ersten Mal seit 2021 – damals noch auf Honda – gewinnt der Suzuki-Pilot wieder mehr als ein 450ccm Rennen innerhalb einer AMA Supercross Saison. Der Routinier meldet sich eindrucksvoll im Kampf um die prestigeträchtige Meisterschaft zurück, der er seit 2014 hinterherjagt.
Roczen ist damit mehr denn je der erfolgreichste Fahrer in der Geschichte der Serie ohne Titel. In der anschließenden Pressekonferenz sprach der 31‑jährige Familienvater ausführlich über seine Gefühlslage – und darüber, warum ihn viele im laufenden Titelkampf zu früh abgeschrieben haben, wie ihn seine Kinder robuster machen und warum er sich als sein eigenes Versuchskaninchen sieht.
Ken Roczen: "Ich wusste, dass ich mit dem Rücken zur Wand stand, schließlich hatte ich 31 Punkte Rückstand. Mir war klar, was auf mich zukommt, und ich habe mir die letzten Wochenenden gesagt, dass ich endlich mal gewinnen muss und nicht immer wieder dieselben Fahrer gewinnen lassen darf, obwohl ich echt gut fahre. Wenn ich immer wieder dieselben Fahrer gewinnen lasse, verliere ich ständig Punkte. Das war in den letzten Wochen, in den letzten zwei, drei Rennen, das Frustrierendste. Und dann, oh Mann, hat einfach alles gepasst."
"Ich bin fest davon überzeugt, dass heute der Tag war. Aber man muss es dann auch umsetzen. Nach dem super Start war ich zu Beginn des Rennens nicht der Schnellste. Ich wusste, dass sie kommen würden. Ich habe meine Linienwahl im Vergleich zum Vorlauf und Qualifying etwas verändert und dann einiges wieder zurückgenommen, weil sie ziemlich schnell aufgeholt haben. Aber ich habe mich davon nicht verunsichern lassen, denn die Strecke war echt knifflig. Es gab super griffige, klebrige Stellen und diese 90-Grad-Kurven ohne Anlieger vor dem Ziel waren echt rutschig. Die Whoops waren komplett hinüber. Aber ich habe eigentlich gar nicht so viele Fehler gemacht. Es ist halt ein langes Rennen. Und wenn dann alles zusammenpasst und man die Zielflagge sieht, ist das wie eine riesige Erleichterung."
"Aber wie ich schon nach dem Rennen sagte, ist es ja eigentlich vor dem Rennen, oder? Aber jetzt gerade ist es einfach ein überwältigendes Gefühl, weil es auch schon lange her ist, dass ich zwei Siege in einer Saison geholt habe. Ich hoffe, ich kann da noch was drauflegen. Aber es hat einfach alles gepasst, mein Team und alles. Ja, ich muss mich erstmal hinsetzen und das Ganze erstmal richtig verarbeiten."
"Wollte nicht die Nerven verlieren"
"Ich wusste, Chase (Sexton) und Hunter (Lawrence) waren hinter mir. Also dachte ich: ´Okay, jetzt konzentrieren wir uns auf unsere Positionen, es wird ein langes Rennen.‘ Ich wollte nicht die Nerven verlieren und verkrampfen. Und es gibt so viele Möglichkeiten, wie das Rennen verlaufen kann. Die Strecke war extrem knifflig. Und obwohl mich das ein bißchen verunsichert hat, fühlte ich mich im Qualifying ehrlich gesagt fast zu gut, weil alles so einfach lief. Ich fühlte mich locker, aber die Strecke ist technisch anspruchsvoll, hat tiefe Spurrillen und teils Traktion, und die Whoops brechen ein."
"Im Vorlauf hatte ich dann einen kurzen Moment in den Whoops, und da dachte ich ´Da war’s. Ich wusste also schon vor dem Finale, dass ich ruhig bleiben und methodisch vorgehen musste. Kurz vor dem Rennen sagte ich zu meinem Mechaniker: ´Hey, ich will das Rennen nicht zu locker angehen.´ Denn obwohl ich die Whoops bisher super gemeistert habe, reicht es, wenn man einmal zu übermütig wird und einfach drauflosfährt, und schon hat man diesen einen Moment, in dem es schiefgeht. Also habe ich mich von dieser aggressiven Einstellung ferngehalten, verstehst du?"
"Und genau das habe ich getan. Ich war vielleicht nicht der Schnellste, aber ich habe mich in gute Positionen gebracht, durchgehalten und bin weitergefahren. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie viele Runden wir gefahren sind. Es fühlte sich an wie 32. Ich versuche einfach herauszufinden, wie ich am besten fahre."
"Ich mache im Grunde, worauf ich Lust habe. Deshalb versuche ich, die ganze Saison über gut gelaunt zu sein. Natürlich habe ich mit meinen Kindern alle Hände voll zu tun. Das erfordert eine ganz andere emotionale Stärke. Dadurch bin ich definitiv viel robuster geworden. Aber gleichzeitig, ja, ich weiß nicht, ich habe in den letzten Rennen immer dasselbe versucht und denselben Einsatz gezeigt. Obwohl ich immer wieder Punkte verloren habe, war offensichtlich, dass ich wirklich gut fahre und irgendetwas richtig mache. Daran habe ich festgehalten, und es stimmt wirklich. Es waren (vor Detroit) noch sieben Rennen. Das ist eine ganze Menge, und wir haben es heute Abend wieder gesehen: es kann auch in die andere Richtung gehen. Ich kann Fehler machen, worüber wir jetzt nicht reden wollen, aber es kann alles so schnell gehen."
"Bin quasi mein eigenes Versuchskaninchen"
"Und letztendlich verstehe ich nicht, wie die Leute einfach sagen können: ´Es ist vorbei‘, wenn noch sieben Rennen ausstehen. Ich weiß nicht, wie viele 200, 300 Punkte oder so noch zu holen sind. Wie gesagt, ich bin quasi mein Versuchskaninchen und lerne jedes Jahr dazu. Ich versuche einfach mein Bestes, um im Rennen zu bleiben. Und genau das mache ich am Wochenende und vor allem auch täglich."
"Ich verstehe schon, woher die Medien und Fans kommen, weil ich die letzten Jahre verletzungsbedingt keine Saison zu Ende fahren konnte. Ich kann ihre Bedenken also nachvollziehen. Aber das letzte Mal, dass ich in einer Saison nachgelassen habe, war 2022. Ehrlich gesagt, lasst es gut sein. Lasst meine Ergebnisse auf der Strecke sprechen. Im Moment gibt es absolut keine Anzeichen dafür, und ehrlich gesagt, ich habe es satt, das immer wieder zu hören."
Foto: Chase Lenneman



